Energydrinks, Proteinshakes, Booster & Co bei Schülerinnen und Schülern – was sinnvoll ist, was riskant wird und wie Sportlehrkräfte reagieren können
Dr. med. Wolfgang Knop | Ralf Duwenbeck

Kurz vor dem Cooper-Test zieht ein Schüler eine grell bedruckte Dose aus dem Rucksack. „Pre-Workout“, erklärt er. Mehr Konzentration, mehr Ausdauer, mehr Pump. Eine Mitschülerin nimmt Eisen, weil sie sich häufig müde fühlt. Ein anderer mischt täglich Proteinpulver ins Frühstück, und in der siebten Klasse kursieren Melatonin-Gummibärchen als vermeintlich harmlose Einschlafhilfe.
Für Sportlehrkräfte ist das eine schwierige Gemengelage. Sie sollen weder Diagnosen stellen noch den Unterricht in eine Ernährungsberatung verwandeln. Wegsehen wäre trotzdem falsch. Nahrungsergänzungsmittel berühren Gesundheit, Körperbilder, Leistungsdruck und mitunter auch Dopingprävention. Gerade der Sportunterricht ist der Ort, an dem die Versprechen der Produkte auf die Wirklichkeit treffen: auf Puls, Belastung, Erschöpfung und die Frage, was ein Körper vermeintlich leisten muss.
Die wichtigste Orientierung lässt sich knapp formulieren: Gesunde Schülerinnen und Schüler benötigen bei ausgewogener Ernährung normalerweise keine Nahrungsergänzungsmittel. Eine Ergänzung kann notwendig sein, wenn ein Mangel festgestellt wurde, eine Erkrankung vorliegt oder eine besondere Ernährungsform bestimmte Nährstoffe nicht zuverlässig liefert. Dann gehören Auswahl und Dosierung jedoch in ärztliche oder qualifizierte ernährungsfachliche Hände.
Dabei lohnt sich die Unterscheidung zwischen gewöhnlichem Schulsport und intensivem Nachwuchsleistungssport. Wer mehrmals pro Woche oder sogar mehrmals täglich trainiert, hat andere Anforderungen an seine Ernährung. Zuerst muss geklärt werden, ob insgesamt genügend Energie, Kohlenhydrate, Protein und Flüssigkeit aufgenommen werden und ausreichend Erholung möglich ist. Ein Supplement ersetzt diese Grundlagen nicht. Bei besonderen Belastungen oder Versorgungslücken können gezielte Ergänzungen sinnvoll sein; darüber entscheidet eine individuelle fachliche Beurteilung.
Gerade bei jungen Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern kann eine dauerhaft zu geringe Energiezufuhr problematischer sein als ein fehlendes Supplement. Wachstum, Knochenaufbau und die Vermeidung von Mangelzuständen haben Vorrang vor maximaler Leistungssteigerung.
Damit wäre eigentlich alles gesagt. Wenn da nicht das Internet wäre.
Lebensmittel in Arzneimitteloptik
Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel, keine Arzneimittel. Die Kapsel sieht zwar medizinisch aus, durchläuft aber kein vergleichbares Zulassungsverfahren. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung werden solche Produkte vor dem Verkauf nicht generell behördlich auf Unbedenklichkeit und Wirksamkeit geprüft. Für ihre Sicherheit sind zunächst Hersteller und Vertreiber verantwortlich; die Lebensmittelüberwachung kontrolliert stichprobenartig.
Die Verpackung ist daher kein Wirksamkeitsnachweis. Auch Aufschriften wie „natural“, „Performance“, „Immun-Komplex“ oder „für aktive Kids“ sagen wenig darüber aus, ob ein Kind das Produkt braucht. Der Muskel auf der Dose ist ebenfalls keine klinische Studie, auch wenn er überzeugend ausgeleuchtet wurde.
Dass Supplemente keineswegs nur ein Randthema sind, zeigte die bundesweit repräsentative Ernährungsstudie EsKiMo II: Von den befragten 12- bis 17-Jährigen hatten 16,4 Prozent innerhalb der vorangegangenen vier Wochen mindestens ein Vitamin- oder Mineralstoffpräparat verwendet. Besonders häufig wurden Vitamin C und Magnesium genommen – obwohl bei diesen Nährstoffen überwiegend kein Mangel bestand. Die Daten stammen aus den Jahren 2015 bis 2017 und erfassen neuere Trends wie Pre-Workout-Booster nur begrenzt. Sie zeigen aber: Die Pillendose ist im Jugendzimmer längst kein exotischer Gast.
Dabei hängt die Gefährlichkeit nicht einfach am Alter. Entscheidend sind Inhaltsstoff, Dosis, Körpergewicht, Einnahmedauer, Vorerkrankungen, Medikamente und die Kombination mehrerer Produkte. Jüngere Kinder reagieren wegen ihres geringeren Körpergewichts allerdings schneller auf eine ungeeignete Erwachsenendosis. Jugendliche wiederum haben leichteren Zugang zu Sportprodukten, orientieren sich stärker an Gleichaltrigen und sozialen Medien und kombinieren mitunter mehrere Präparate.
Drei Altersstufen, drei typische Risikolagen
Überblick
Was in welchem Alter im Umlauf ist – und worauf es ankommt
| Altersgruppe | Typische Produkte und Anlässe | Notwendigkeit | Gefährlichkeit und Warnpunkte |
|---|---|---|---|
| 6–9 Jahre: Grundschulalter | Kinder-Multivitamine, Vitamin D, „Immun“-Gummibärchen, Magnesium | Bei normaler Ernährung nicht notwendig und eher riskant. Präparate nur bei medizinischer Indikation, also wenn Ärztin oder Arzt einen Bedarf festgestellt haben. | Erhöhtes Fehl- und Überdosierungsrisiko, besonders bei bonbonartigen Produkten und hoch dosierten Erwachsenenpräparaten. Vitamin D und Eisen können bei Überdosierung ernsthafte Vergiftungen verursachen. |
| 10–13 Jahre: Übergang und frühe Pubertät | Multivitamine, Magnesium gegen Krämpfe, erste Proteinprodukte, Energy-Drinks, Melatonin | Bei normaler Ernährung nicht notwendig, Präparate auch hier nur bei medizinischer Indikation. Bei veganer Ernährung ist Vitamin B12 unverzichtbar; Eisen, Omega-3, Protein und Vitamin D gehören ärztlich in den Blick. | Besondere Vorsicht bei Koffein, Melatonin, Eisen und Produktkombinationen. Körpergewicht und Entwicklung unterscheiden sich stark. Schlafprobleme, Müdigkeit oder Krämpfe sollten nicht auf eigene Faust „wegsupplementiert“ werden. |
| 14–17 Jahre: mittlere und späte Jugend | Proteinpulver, Kreatin, Pre-Workout-Booster, Fatburner, Eisen, Vitamin D, Magnesium, Energy-Drinks | Bei normaler Ernährung und Schulsport meist unnötig. Mögliche Ausnahmen: diagnostizierter Mangel, medizinische Indikation, vegane Ernährung oder professionell begleiteter Leistungssport. | Höchstes Risiko für gezielten Fehlgebrauch und Mischkonsum. Problematisch sind vor allem hoch dosiertes Koffein, stimulierende Mischungen, Fatburner, unbekannte Internetprodukte und mehrere parallel verwendete Präparate. Im Wettkampfsport kommt das Risiko nicht deklarierter Dopingsubstanzen hinzu. |
Orientierung für gesunde Kinder und Jugendliche. Ob ein Präparat im Einzelfall nötig ist, klären Ärztin, Arzt oder qualifizierte Ernährungsfachkraft.
Grundschulalter: Bärchen bleiben Präparate
Bei jüngeren Kindern besteht das größte Problem häufig nicht in sportlichem Ehrgeiz, sondern in der Darreichungsform. Bunte Vitamin- oder Melatoninprodukte wirken wie Süßigkeiten. Das BfR warnt ausdrücklich vor unbeabsichtigter Mehrfacheinnahme. Eine Erwachsenendosis darf auch nicht nach Gefühl halbiert oder geviertelt werden; der Stoffwechsel eines Kindes ist keine verkleinerte Ausgabe des Erwachsenenstoffwechsels.
Besonders ernst zu nehmen sind Eisen und hoch dosiertes Vitamin D. Eine akute Eisenvergiftung kann bei Kindern unter anderem Erbrechen, Durchfall sowie Leber- und Nierenschäden verursachen. Zu viel Vitamin D kann den Calciumspiegel im Blut stark erhöhen und ebenfalls die Nieren sowie den Herzrhythmus beeinträchtigen. „Ein Vitamin“ ist deshalb keine Risikokategorie. Entscheidend ist immer: welches, wie viel und für wen?
Im normalen Grundschulsport sind Supplemente nicht erforderlich. Wasser, eine reguläre Mahlzeit und bei längeren Veranstaltungen ein gewöhnlicher Snack leisten meist alles, was benötigt wird. Elektrolytgetränke können bei langen Ausdauerbelastungen unter besonderen Bedingungen sinnvoll sein; die 45-minütige Sportstunde gehört üblicherweise nicht dazu.
Frühe Pubertät: Müdigkeit ist noch keine Diagnose
Zwischen zehn und dreizehn Jahren treten neue Fragen hinzu. Wachstumsschübe, Menstruationsbeginn, fleischlose Ernährung, Schlafmangel und ein voller Stundenplan können Müdigkeit begünstigen. Daraus folgt aber nicht automatisch ein Bedarf an Eisen, Magnesium oder Vitamin D. Bis etwa zum 12. oder 13. Lebensjahr gilt deshalb: Präparate grundsätzlich vermeiden und nur bei medizinischer Indikation einsetzen.
Bei Jugendlichen mit Menstruation kann das Risiko einer unzureichenden Eisenversorgung steigen. Eisen sollte trotzdem erst nach diagnostizierter Unterversorgung und fachlicher Begleitung eingenommen werden. Auch im Ausdauersport, bei hohen Trainingsumfängen und bei einseitiger oder energiearmer Ernährung lohnt ein genauer Blick auf die Eisenversorgung. Zur Abklärung gehören je nach Verdacht beispielsweise Blutbild und Ferritin. Müdigkeit kann viele Ursachen haben; eine Tablette ersetzt weder die Abklärung noch das Frühstück.

Eine klare Ausnahme ist Vitamin B12 bei veganer Ernährung. Ohne zuverlässige Zufuhr durch Supplemente oder entsprechend angereicherte Produkte kann eine vegane Ernährung zu einem B12-Mangel mit Blutbildungsstörungen und neurologischen Schäden führen. Dosierung und Kontrolle sollten bei Kindern und Jugendlichen pädiatrisch oder ernährungsmedizinisch begleitet werden. Häufig und teils sehr ausgeprägt fehlt es außerdem an Eisen, Omega-3-Fettsäuren, Protein und Vitamin D. Je nach Lebensmittelauswahl verlangen auch Jod, Calcium und Zink Aufmerksamkeit. Das bedeutet nicht, dass jedes vegan lebende Kind einen ganzen Apothekenschrank benötigt. Es bedeutet, dass „pflanzlich“ und „automatisch bedarfsdeckend“ zwei verschiedene Aussagen sind.
Melatonin-Gummis gehören dagegen nicht in die schulische Selbstmedikation. Das BfR rät Kindern und Jugendlichen von einer unkontrollierten Anwendung ab, weil die Daten zur langfristigen Sicherheit begrenzt sind und mögliche Auswirkungen auf hormonell gesteuerte Entwicklungsprozesse nicht ausreichend geklärt wurden.
Jugendalter: Muskelpulver und Leistungsversprechen
Proteinpulver ist bei älteren Schülerinnen und Schülern vermutlich das sichtbarste Sportprodukt. Protein wird für Wachstum und Muskelaufbau benötigt. Daraus folgt aber nicht, dass es als Pulver benötigt wird. Wer ausreichend isst, kann den Bedarf in der Regel mit üblichen Lebensmitteln decken. Ein einfacher Proteinshake kann bei sehr hohem Trainingsumfang, mehreren Einheiten am Tag, wenig Appetit nach dem Training oder einem schwierigen Schul- und Trainingsalltag eine praktische Ergänzung sein. Bei intensivem Training kann als Orientierung etwa 1,4 bis 2,0 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag angesetzt werden – insgesamt aus Lebensmitteln und gegebenenfalls einem Shake. Diese Spanne gilt nicht pauschal für den gewöhnlichen Schulsport.
Interaktives Tool
Proteinrechner für Jugendliche
Eiweissbedarf nach Alter, Gewicht und Training einordnen und Ernährung vergleichen.
Bei Kreatin ist die Lage differenzierter. Für erwachsene Kraft- und Schnellkraftsportler sind leistungssteigernde Effekte gut belegt. Für Minderjährige sind Langzeitdaten und altersgerechte Sicherheitsbewertungen wesentlich begrenzter. Bei älteren, ambitionierten Nachwuchsleistungssportlern ist eine individuelle Abwägung mit sportmedizinischer oder sporternährungsfachlicher Begleitung sinnvoll, etwa in Sprint-, Sprung- und Kraftdisziplinen. Für den gewöhnlichen Schulsport gibt es keinen vernünftigen Anlass, eine Einnahme anzuregen.
Ergänzende Orientierung
Bei Bedarf gezielt ergänzen
Bei älteren Jugendlichen verdienen einige Versorgungsfragen besondere Aufmerksamkeit. Die Mengen dienen der Einordnung; Auswahl und Dosierung einer Ergänzung werden individuell abgestimmt.
| Vitamin D: | Wichtig für Knochen und Muskulatur; insbesondere im Winter kann die Versorgung ungünstig sein. Bei Bedarf 800 IE täglich, entsprechend 20 Mikrogramm. Höhere Gaben, beispielsweise 2000 IE beziehungsweise 50 Mikrogramm, sind eine individuelle ärztliche Entscheidung. Bei Leistungssportlern kann eine Kontrolle des Vitamin-D-Status sinnvoll sein. Hoch dosierte Präparate gehören nicht in die Selbstmedikation. |
| Calcium: | Besonders beachten bei wenig Milchprodukten beziehungsweise geeigneten Alternativen, veganer Ernährung und geringer Energiezufuhr. Für 13- bis unter 19-Jährige gelten insgesamt etwa 1200 Milligramm täglich aus Ernährung und gegebenenfalls Ergänzung; ab 19 Jahren 1000 Milligramm. Zuerst wird die Lebensmittelauswahl verbessert, bei weiterhin unzureichender Zufuhr kann ein Präparat sinnvoll sein. |
| Magnesium: | Bei ausreichender Versorgung ist normalerweise kein zusätzlicher Leistungsschub zu erwarten. Bei tatsächlicher Unterversorgung kann eine Ergänzung sinnvoll sein, z.B. 200 bis 300 Milligramm täglich. Darüber hinausgehende ergänzende Mengen sollten ärztlich abgestimmt werden. Zu viel Magnesium kann Durchfall verursachen. |
| Omega-3: | Wer kaum Fisch isst, kann eine Ergänzung mit EPA und DHA erwägen, z.B. als Orientierung 250 bis 500 Milligramm täglich. Bei veganer Ernährung kommt Algenöl infrage. Entscheidend ist die Versorgung über die gesamte Ernährung, nicht allein der Sport. |
| Jod: | Die Versorgung sollte besonders bei wenig Fisch, wenig tierischen Lebensmitteln und fehlendem Jodsalz geprüft werden. Bei veganer Ernährung kann eine individuell abgestimmte Ergänzung sinnvoll sein. |
Bei langen oder intensiven Belastungen können außerdem Kohlenhydrate, Flüssigkeit und Elektrolyte gezielt ergänzt werden – etwa bei einem langen Fußballtraining in der Hitze, einer ausgedehnten Radausfahrt oder mehreren Wettkampfläufen. Solche Sporternährungsprodukte erfüllen eine konkrete Versorgungsaufgabe. Für die gewöhnliche Sportstunde sind sie in der Regel entbehrlich.
Deutlich kritischer sind Pre-Workout-Booster und Fatburner. Sie können Koffein, Pflanzenextrakte oder weitere stimulierende Stoffe enthalten. Für Jugendliche sind auch Testosteron-Booster und Koffeinpulver ungeeignet. Zusätzliche BCAA bei ausreichender Proteinversorgung sowie Glutamin zur Leistungssteigerung sind nicht zu empfehlen; vor Megadosen einzelner Vitamine und hoch dosiertem Eisen ohne Mangel muss ausdrücklich gewarnt werden. Bei Importprodukten und Käufen über soziale Medien steigt die Unsicherheit darüber, ob Etikett und Inhalt tatsächlich übereinstimmen. Im Wettkampfsport kommt ein weiteres Problem hinzu: Nahrungsergänzungsmittel können nicht deklarierte verbotene Substanzen enthalten. Die Nationale Anti Doping Agentur weist darauf hin, dass selbst geprüfte Produktlisten das Risiko nur verringern, nicht vollständig beseitigen.
Studienlage
Wie oft sind Präparate verunreinigt?
Eine feste Quote gibt es nicht. Wie hoch der Anteil ausfällt, hängt stark davon ab, welche Produkte wo gekauft wurden.
| Kölner Untersuchung (2004) | Rund 15 % von 634 Präparaten aus 13 Ländern enthielten nicht deklarierte anabole Steroide. Älter, aber bis heute oft zitiert. |
| Übersichtsarbeit (2017) | Auswertung von 23 Studien: Je nach Studie waren 12 bis 58 % der untersuchten Produkte verunreinigt. |
| Niederländische Stichprobe (2021) | 25 von 66 Produkten aus Onlineshops enthielten Stoffe, die nicht auf dem Etikett standen, darunter Stimulanzien und Steroide. Untersucht wurden gezielt Produkte, die Muskelaufbau, Fettabbau, Hormonwirkung oder mehr Energie versprachen. |
| Was folgt daraus? | Die Zahlen gelten nicht für jedes Präparat. Besonders riskant sind Booster, Fatburner und Muskelaufbau-Produkte aus dem Internet. Geprüfte Listen wie die Kölner Liste senken das Risiko, schließen es aber nicht aus. |
Mehr zu Risiken im Fitnessweb →
Quellen: Geyer et al. (2004), International Journal of Sports Medicine 25; Martínez-Sanz et al. (2017), Nutrients 9(10); Duiven et al. (2021), Journal of Sports Science and Medicine 20.
Energy-Drinks sind rechtlich keine Nahrungsergänzungsmittel, gehören praktisch aber in dieselbe Unterrichtsdiskussion. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit betrachtet für gesunde Kinder und Jugendliche bis zu drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag als gesundheitlich unbedenkliche Größenordnung. Das ist jedoch keine Verzehrempfehlung. Eine 250-Milliliter-Dose enthält häufig rund 80 Milligramm Koffein; bei einem leichten Kind ist ein erheblicher Teil der Tagesmenge damit bereits erreicht. Weitere Quellen wie Cola, Kaffee oder Booster zählen mit. Hohe Mengen können Nervosität, Schlafstörungen, Herzklopfen, Übelkeit und Blutdruckveränderungen auslösen – denkbar schlechte Trainingspartner für einen Ausdauerlauf.
Was Sportlehrkräfte konkret tun können
Ein pädagogisch kluger Umgang beginnt nicht mit der Frage: „Wer nimmt hier so etwas?“ Öffentliche Befragungen erzeugen leicht Rechtfertigungsdruck und unfreiwillige Gesundheitsbekenntnisse. Sinnvoller ist eine private, sachliche Nachfrage, wenn eine Einnahme beobachtet wird oder ein konkreter Anlass besteht:
- Was wurde eingenommen?
- Wann und ungefähr wie viel?
- Wurden noch andere Produkte, Medikamente oder Energy-Drinks konsumiert?
- Gibt es Beschwerden?
- Wissen die Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigten davon?
- Wurde das Präparat ärztlich empfohlen?
Sportlehrkräfte sollten weder eine Supplementierung empfehlen noch eigenständig absetzen lassen. Bei einer medizinisch begründeten Einnahme ist die Schule nicht die Gegenpraxis. Aufgabe der Lehrkraft ist es, die momentane Belastungsfähigkeit einzuschätzen, bei Beschwerden die Teilnahme zu stoppen und die schulischen Melde- und Informationswege einzuhalten.
Für die Praxis bietet sich ein einfaches Ampelmodell an:
Grün: Ein ärztlich empfohlenes Präparat wird bestimmungsgemäß genommen, die Schülerin oder der Schüler ist beschwerdefrei. Diskrete Kenntnisnahme genügt; medizinische Details gehören nicht vor die Klasse.
Gelb: Ein selbst gekauftes Produkt wird regelmäßig verwendet, mehrere Präparate werden kombiniert, die Dosierung ist unklar oder es treten wiederholt Müdigkeit, Krämpfe, Schlafprobleme, Gewichtsverlust oder Leistungsabfall auf. Das verlangt ein vertrauliches Gespräch und – abhängig von Alter und Situation – die Einbeziehung der Erziehungsberechtigten, Schulgesundheitsfachkraft oder ärztlichen Betreuung. Auch auffälliger Muskelaufbau-, Schlankheits- oder Kontrollzwang verdient Aufmerksamkeit. Dann geht es möglicherweise weniger um Magnesium als um Körperbild, Essverhalten oder Leistungsdruck.
Rot: Nach der Einnahme treten Brustschmerz, ausgeprägtes Herzrasen, Atemnot, Kollaps, Bewusstseinsveränderung, Krampfanfälle oder starkes Erbrechen auf. Die Belastung wird sofort beendet. Bei schweren Symptomen gilt: 112 rufen, Erste Hilfe leisten und die Produktverpackung sichern. Bei einem möglichen Einnahmefehler ohne lebensbedrohliche Symptome kann ein Giftinformationszentrum beraten. Das BfR führt die regionalen Telefonnummern in einer aktuellen Übersicht.
Prävention funktioniert am besten, wenn sie nicht als moralischer Vortrag daherkommt. Schülerinnen und Schüler können im Unterricht reale Etiketten untersuchen: Welche Dosis wird empfohlen? Für welche Altersgruppe? Wie viel Koffein kommt aus mehreren Quellen zusammen? Was bedeutet „100 Prozent der Referenzmenge“, wenn sich diese Angabe auf Erwachsene bezieht? Ist ein versprochener Nutzen überhaupt konkret formuliert? Und wer profitiert finanziell davon, wenn Regeneration als Pulver verkauft wird?
Damit wird aus Produktkunde zugleich Medienbildung. Influencer-Marketing, Vorher-nachher-Bilder und Rabattcodes lassen sich besprechen, ohne einzelne Schülerinnen und Schüler bloßzustellen. Auch der Unterschied zwischen einem Sportgetränk, einem Proteinlebensmittel, einem Nahrungsergänzungsmittel und einem Arzneimittel sollte geklärt werden. Nicht alles, was im Fitnessstudio nebeneinandersteht, gehört rechtlich oder gesundheitlich in dieselbe Schublade.
Material
Nahrungsergänzungsmittel im Fitnessweb
Faktencheck, Protein- und Koffeinrechner, Ampel für Lehrkräfte und eine Unterrichtsreihe für Projekt und Projektkurs
Der bessere Leistungsbooster ist erstaunlich unspektakulär
Für den gewöhnlichen Schulsport bleiben die wirksamsten Grundlagen wenig instagramtauglich: genügend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten, Wasser, sinnvolles Training und Erholung. Sie kommen ohne Neonetikett aus und benötigen keinen Rabattcode.

Das heißt nicht, Supplemente grundsätzlich zu verteufeln. Vitamin B12 bei veganer Ernährung, Eisen bei festgestelltem Mangel oder andere ärztlich begründete Präparate können notwendig sein. Entscheidend ist der Unterschied zwischen gezielter Versorgung und vorsorglichem Konsum auf Verdacht.
Sportlehrkräfte müssen dabei keine wandelnden Nährstofflexika werden. Ihre Stärke liegt an anderer Stelle: Sie können Leistungsversprechen einordnen, riskante Situationen erkennen und eine Schulkultur fördern, in der Hilfeholen nicht als Schwäche gilt. Die beste Frage an den Schüler mit der Pre-Workout-Dose lautet deshalb nicht: „Ist das verboten?“ Sondern zunächst: „Was genau hast du genommen – und wie geht es dir jetzt?“
Der Beitrag bezieht sich auf Deutschland. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder ernährungsmedizinische Beratung.
Quellen
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Nahrungsergänzungsmittel für Kinder – (k)eine gute Idee?!
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Fragen und Antworten zu Nahrungsergänzungsmitteln
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Ausgewählte Fragen und Antworten zu Nahrungsergänzungsmitteln
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Fragen und Antworten zu Eisen
- Perlitz, H. et al. (2019): Use of Vitamin and Mineral Supplements among Adolescents Living in Germany—Results from EsKiMo II
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Caffeine – safety information for adults, children and adolescents
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2026): Energydrinks: aktualisierte Bewertung der gesundheitlichen Risiken für Kinder und Jugendliche
- Verbraucherzentrale: Kreatin: Wirkung, Risiken und was beim Kauf wichtig ist
- Nationale Anti Doping Agentur: Hinweise zum Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln
- Geyer, H. et al. (2004): Analysis of non-hormonal nutritional supplements for anabolic-androgenic steroids – results of an international study. International Journal of Sports Medicine, 25, 124–129
- Martínez-Sanz, J. M. et al. (2017): Intended or unintended doping? A review of the presence of doping substances in dietary supplements used in sports. Nutrients, 9(10), 1093
- Duiven, E. et al. (2021): Undeclared doping substances are highly prevalent in commercial sports nutrition supplements. Journal of Sports Science and Medicine, 20, 328–338
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Vegetarische und vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen – ein Update
- gesund.bund.de: Erste Hilfe bei Vergiftungen
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Giftinformationszentren in Deutschland
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Vitamin D – Sonne und Bewegung fördern eine gute Versorgung
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Tageshöchstmenge für Magnesium in Nahrungsergänzungsmitteln
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für Calcium
