Teil I: „Bei mir hat jeder Schüler die Chance auf eine Eins“

Was machen Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler begeistern und ihnen Mut machen? Dieser Frage gehen Alexander Böhle und Tobias Kammer im Podcast „Deutschlands ausgezeichnete Lehrkräfte“ nach. Sie sprechen mit überwiegend preisgekrönten Lehrkräften über Haltung, Methoden und die Frage, wie junge Menschen wachsen können. Für unser Magazin wechselt Böhle die Rolle: Im ersten Teil unseres Interviews spricht der Sport- und Wirtschaftslehrer über Leistung, persönliche Entwicklung und faire Sportnoten. Wie fair sind klassische Leistungskriterien im Sportunterricht? Alexander Böhle kommt selbst aus Leichtathletik und Fußball und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit gutem Unterricht. Im Interview spricht er darüber, warum Entwicklung für ihn stärker zählen muss, weshalb Talent allein nicht für eine Eins reicht und was einen guten Sportlehrer ausmacht.
Herr Böhle, Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was gute Lehrkräfte auszeichnet. Wie kam es dazu?
Ich hatte 2017, 2018 als Lehrer eine Phase, in der ich mich noch einmal gefragt habe: Was treibt mich eigentlich an? Ich bin irgendwann zu dem Punkt gekommen, dass die stärkste Wertschätzung im Lehrerberuf von den Schülerinnen und Schülern kommt – wenn sie dich als Vorbild akzeptieren, gerne bei dir Unterricht haben, etwas lernen und sich auch persönlich weiterentwickeln. Wenn man langfristig zufrieden in diesem Beruf sein will, muss man aus meiner Sicht von den Schülerinnen und Schülern her denken.
Ich habe mich dann intensiver mit Potenzialentfaltung beschäftigt und mich gefragt, wodurch Kinder und Jugendliche wirklich aufblühen. Irgendwann kam die Idee, gezielt Lehrkräfte zu interviewen, die in diesen Bereichen besonders stark sind. Ich wollte wissen: Wie ticken diese Menschen? Welche Haltung haben sie gegenüber Schule und Unterricht? Und ganz konkret: Welche Methoden nutzen sie? Daraus ist schließlich auch mein Podcast entstanden.
Sie kommen selbst aus Leichtathletik und Fußball. Hat der Sport Ihren Blick auf diese Frage beeinflusst?
Definitiv. Im Sport ist es normal, sich an den Besten zu orientieren. Du kannst relativ einfach erkennen, wer besonders gut ist. Im Lehrerberuf funktioniert das nicht über eine Zeit, eine Höhe oder irgendein Ranking. Da braucht es andere Parameter.
Für mich sind beispielsweise Fachkompetenz und Begeisterung wichtig, aber genauso ein ehrliches Interesse an den Schülerinnen und Schülern. Gerade im Sport brauchst du einen mitreißenden Charakter und musst gleichzeitig fachlich gut sein. Als Beispiel nenne ich gerne Jürgen Klopp: jemanden, der als Coach Menschen mitnehmen und zur Potenzialentfaltung bringen kann.
Wenn wir konkret auf den Sportunterricht schauen: Was macht für Sie dort einen guten Lehrer aus?
Ein guter Sportlehrer interessiert sich ehrlich für seine Schülerinnen und Schüler und ihre Belange. Gleichzeitig sollte er sie nicht ausschließlich aufgrund des Leistungsvermögens beurteilen, mit dem sie in den Unterricht hineinkommen. Entscheidend ist für mich auch, welcher Erfolg und welche Entwicklung während des Unterrichts stattfinden.
Warum ist Ihnen diese Entwicklung bei der Bewertung so wichtig?
Nehmen wir einen Schüler, der vielleicht 130 Kilogramm wiegt. Wenn ich ausschließlich die absolute sportliche Leistung bewerte, kommt der möglicherweise nie über eine Drei hinaus. Dabei kann es sein, dass er sich enorm bemüht hat, deutlich fitter und sportlicher geworden ist und damit viel mehr Entwicklung gezeigt hat als jemand, der aufgrund seiner Voraussetzungen ohnehin schon auf Einserniveau gestartet ist.
Das empfinde ich als ungerecht. Bei mir hat deshalb jeder Schüler die Chance, eine Eins zu bekommen. Auch jemand, der im Ausdauerbereich vielleicht nur walken kann, weil mehr körperlich zunächst nicht sinnvoll wäre.
Zur Person
Alexander Böhle
Alexander Böhle ist neben seinem Hauptjob als Sport- und Wirtschaftslehrer auch Podcaster und Speaker. Er kommt selbst aus Leichtathletik und Fußball. Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Frage, was gute Lehrkräfte auszeichnet, arbeitete als Fortbildungsmoderator zu Haltung und Potenzialentfaltung und interviewt gemeinsam mit Tobias Kammer in seinen Podcasts ausgezeichnete Lehrkräfte zu ihren Methoden und ihrem Verständnis von Unterricht. Einen besonderen Schwerpunkt legt er darauf, wie Schülerinnen und Schüler fachlich und persönlich weiterentwickelt werden können.
Website: alexanderboehle.com →
Instagram: @alexander.boehle →
Aber wenn jemand schon zu Beginn deutlich besser ist als alle anderen: Was muss dieser Schüler dann noch leisten?
Wer eine Eins bekommen möchte, muss für mich auch in der Lage sein, anderen zu helfen und sie zu unterstützen. Das ist eine Grundtugend. Wenn jemand sportlich überragend ist, sich aber hinstellt und sinngemäß sagt: „Was wollt ihr von mir, ich bin hier sowieso der Beste“, dann ist das für mich nicht automatisch eine Eins.
Da muss mehr kommen. Die eigene Leistung ist wichtig, aber genauso die Frage, was man mit seinen Fähigkeiten für die Gruppe macht.
Das heißt, Sozialverhalten gehört für Sie ausdrücklich zur sportlichen Leistung dazu?
Ja. Gerade im Sport hast du sehr viele Möglichkeiten, solche Dinge sichtbar zu machen. Wer hilft jemand anderem? Wer integriert andere? Wer trägt dazu bei, dass eine Mannschaft gemeinsam besser wird? Das sind Fähigkeiten, die für mich zum Sportunterricht dazugehören.
Verliert damit die klassische sportliche Leistung an Bedeutung?
Nein. Natürlich muss ein Sportlehrer Fachwissen haben, natürlich sind sportliches Können und Entwicklung wichtig. Aber die Frage ist, ob man nur auf das Endergebnis schaut. Gerade weil die Voraussetzungen im Sport so unterschiedlich sind, sollte man meiner Meinung nach stärker betrachten, was ein Schüler aus seinen Möglichkeiten macht.
Muss auch die Sportlehrkraft selbst sportlich Vorbild sein?
Sie sollte auf jeden Fall glaubwürdig sein und Know-how besitzen. Es wäre schon schwierig, von den Schülerinnen und Schülern Bewegung, Fitness oder ein gesundheitsorientiertes Verhalten einzufordern und selbst genau das Gegenteil vorzuleben. Die Schüler merken sehr schnell, ob jemand nur sagt: „Lauft ihr mal zwölf Minuten“, während er selbst daneben sitzt.
Gleichzeitig bedeutet Vorbild für mich nicht nur die eigene sportliche Leistung. Es geht auch darum, Begeisterung für das Fach auszustrahlen und die Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen.
Wenn Sie Ihren Ansatz auf einen Gedanken reduzieren müssten: Was sollte eine Sportnote am Ende ausdrücken?
Sie sollte nicht nur zeigen, mit welchem Talent jemand in eine Unterrichtsreihe hineingekommen ist. Sie sollte auch zeigen, was jemand daraus gemacht hat. Entwicklung, Einsatz und die Fähigkeit, andere zu unterstützen, gehören für mich dazu. Deshalb ist mir dieser Satz so wichtig: Bei mir hat jeder Schüler die Chance auf eine Eins.
Interview von Ben Duwenbeck
Teil II des Interviews erscheint hier demnächst im Magazin
Hintergrund
In der Schule zählt auch die Entwicklung: die Sonstige Mitarbeit
Was Alexander Böhle beschreibt, hat in der Schule einen festen Platz. Der Beurteilungsbereich „Sonstige Mitarbeit“ erfasst die Kompetenzentwicklung, die im Unterricht durch schriftliche, mündliche und praktische Beiträge sichtbar wird – also nicht nur das Ergebnis am Ende, sondern auch den Weg dorthin. Fair-Play und die Hilfe und Unterstützung anderer können ausdrücklich dazugehören.
| Wie wird sie festgestellt? | Durch Beobachtung während des Schuljahres, durchgängig und kontinuierlich, und durch punktuelle Überprüfungen, z. B. Tests, Präsentationen, Protokolle, Referate oder Portfolios. |
| Welche Formen zählen dazu? | Individuelle und kooperative Aufgabenerfüllung, Beiträge zum Unterricht (vor allem in Handlungs-, Gesprächs- und Reflexionsphasen), abgerufene und vorbereitete Leistungen sowie weitere Elemente wie Mitgestaltung von Unterricht, Organisation, Fair-Play, Regelkenntnis, Hilfe und Unterstützung anderer. |
| Worauf basiert die Bewertung? | Auf Qualität (fachliche Richtigkeit, Angemessenheit, Vielfalt und Tiefe der Beiträge), Quantität (Häufigkeit und Umfang) und Kontinuität (regelmäßige Mitwirkung über das Schuljahr). |
Übersichtsgrafik, Check für die Sportnote und Glossar →
Nicht amtliche Orientierungshilfe; sie ersetzt nicht das Leistungskonzept der eigenen Schule.


