Bewertungsraster oder Notentabelle gesucht? – Der 1. NormwertAtlas liefert die Antwort mit wenigen Klicks

1,54 Meter beim Hochsprung und die Latte bleibt liegen. Klasse 10. Und jetzt?

Wer Sport unterrichtet, kennt den nächsten Arbeitsschritt ziemlich genau: irgendwo müsste doch diese Notentabelle sein. Vielleicht im Fachschaftsordner. Vielleicht auf dem alten USB-Stick. Vielleicht hatte die Kollegin sie einmal geschickt. Oder sie liegt in irgendeinem PDF einer Schule, das Google auf Seite drei der Trefferliste ausspuckt. Also suchen wir: „Hochsprung Bewertung Tabelle Klasse 10 Mädchen“. Dann finden wir eine Tabelle. Und noch eine. Und noch eine.

Dummerweise sagen die drei nicht unbedingt dasselbe.

Willkommen in einem erstaunlich alltäglichen Problem des Sportunterrichts. Wir können Zeiten auf Hundertstelsekunden stoppen, Sprünge auf Zentimeter messen und Laufstrecken auf den Meter genau bestimmen – und beginnen anschließend eine kleine Expedition, um herauszufinden, was diese Leistung eigentlich wert sein soll.

Genau dafür gibt es jetzt den Normwertatlas Schulsport. Die Idee ist eigentlich so naheliegend, dass man sich eher fragen kann, warum es so etwas nicht längst gab: Bewertungstabellen, Normwerte und Testverfahren des Schulsports an einem Ort sammeln, durchsuchbar machen, miteinander vergleichen und einen gemessenen Wert mit wenigen Klicks direkt einordnen.

Und nein: Der Atlas behauptet nicht, endlich die eine wahre Sportnote ge- oder erfunden zu haben. Im Gegenteil. Interessant wird das Projekt genau dort, wo sichtbar wird, dass es diese eine Wahrheit gar nicht gibt.

Wir messen exakt – und setzen danach Grenzen

Eine gelaufene Zeit von 13,4 Sekunden ist zunächst einmal ziemlich unbestechlich. Die Stoppuhr kennt weder pädagogische Sympathien noch Fachschaftsbeschlüsse. 13,4 sind 13,4 (zugegeben: im besten Falle). Aber der Satz „13,4 Sekunden entsprechen einer Zwei“ ist etwas völlig anderes. Er ist eine Setzung, keine Messung.

Irgendjemand hat irgendwann festgelegt, welche Leistung in welchem Alter oder welcher Jahrgangsstufe für welche Note ausreichen soll. Und davon existieren im deutschen Schulsport sehr viele Varianten. Tabellen von Schulen und Fachschaften stehen neben Anforderungen der Länder, Tabellen aus Abiturprüfungen neben dem Deutschen Sportabzeichen, den Bundesjugendspielen, wissenschaftlichen Testverfahren oder über Jahre weitergegebenen Sammlungen aus dem eigenen Sportlehrerordner.

Dass das nicht zentral geregelt ist, hat einen systematischen Grund. Für den Schulsport sind in Deutschland grundsätzlich die Länder zuständig; auch Lehrpläne und Unterrichtsgestaltung liegen in der Verantwortung der jeweiligen Kultusministerien. In Nordrhein-Westfalen etwa entscheidet die Fachkonferenz ausdrücklich über die Grundsätze der Leistungsbewertung.

Es gibt deshalb keine bundesweit verbindliche Notentabelle für den Sportunterricht. Und das ist eigentlich auch gut so. Aber: wer schon einmal Tabellen verschiedener Schulen nebeneinandergelegt hat, weiß: Die Unterschiede sind keineswegs immer kosmetischer Natur.

Der Normwertatlas macht deshalb etwas, das bislang erstaunlich umständlich war: Er legt unterschiedliche Maßstäbe nebeneinander. Nicht, um Unterschiede wegzuerklären, sondern um sie überhaupt erst sichtbar zu machen. Die vorhandenen Tabellen werden in ihrer jeweiligen Logik belassen – Schulnoten bleiben Schulnoten, Abiturpunkte bleiben Abiturpunkte, Leistungsklassen bleiben Leistungsklassen und Prozentränge bleiben Prozentränge. Es wird nicht so getan, als ließe sich alles elegant auf eine gemeinsame Skala umrechnen.

Wo eine Tabelle nach Lebensalter gegliedert ist oder in Leistungsklassen statt in Noten bewertet, steht neben dem unveränderten Original eine als Referenz gekennzeichnete Fassung, die beides auf Klassenstufe und Note umlegt — mit der Zuordnungsregel im Klartext unter der Tabelle.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Denn häufig bemerkt man erst beim direkten Vergleich, wie stark die vermeintlich objektive Bewertung einer objektiv gemessenen Leistung vom gewählten Bezugssystem abhängt.

Wie häufig braucht man solche Tabellen? Erstaunlich häufig.

Eine seriöse Zahl dafür, wie oft deutsche Sportlehrkräfte bei Google nach „Bewertungstabelle Weitsprung Klasse 7“ oder „Cooper-Test Tabelle Oberstufe“ suchen, gibt es nicht. Wer dafür eine hübsche fünfstellige Zahl präsentieren würde, hätte vermutlich gerade selbst eine Norm gesetzt.

Was sich aber untersuchen lässt, ist die tatsächliche Bewertungspraxis. Eine 2024 veröffentlichte Interviewstudie mit 17 Sportlehrkräften aus Baden-Württemberg ist dafür aufschlussreich. Alle befragten Lehrkräfte verwendeten Wertungstabellen und spezifische Kriterien, um Leistungen zu beurteilen. Vorgegebene Leistungstabellen wurden gerade wegen ihrer einfachen Handhabung bevorzugt. Die Forschenden beschreiben Tabellen und Kriterien als wichtige Strategie, um Bewertung nachvollziehbarer zu machen und Bewertungsfehler zu reduzieren.

17 Lehrkräfte sind selbstverständlich keine repräsentative Stichprobe für ganz Deutschland. Der Befund beweist also nicht, dass jede deutsche Sportlehrkraft morgens mit einer Wertungstabelle unter dem Arm die Turnhalle betritt. Er bestätigt aber etwas, das aus der Unterrichtspraxis sehr plausibel erscheint: Norm- und Bewertungstabellen sind kein exotisches Spezialwerkzeug. Sie gehören zum normalen Instrumentarium der Leistungsbewertung im Sport. Gerade im ZGS-System (Zentimeter, Gramm, Sekunde) gibt es objektivierbare Werte und Leistungen. Dass sie keine Gerechtigkeit abbilden, ist dabei ebenso klar. Es kann ja auch zum Beispiel relativ bewertet werden, also zb. relativ zur Größe, zum Gewicht usw. oder rein qualitativ.

Eine weitere Studie mit 20 Sportlehrkräften aus Nordrhein-Westfalen zeigt zugleich, warum man diesen Tabellen nicht mehr Bedeutung geben sollte, als sie haben. Zwar wurde die sportmotorische Leistung insbesondere in der Sekundarstufe II als besonders bedeutsam eingeschätzt. Zur Sportnote gehören aber auch andere Dimensionen – etwa Leistungsfortschritt, Leistungsbereitschaft sowie soziale und kognitive Leistungen.

Damit lässt sich die Rolle einer Tabelle eigentlich ziemlich präzise beschreiben: Sie kann eine einzelne messbare Leistung qualifizieren. Sie kann nicht die pädagogische Entscheidung der Lehrkraft ersetzen. Aus 4,18 Minuten über 1000 Meter kann also anhand einer Tabelle eine Leistungsstufe oder Teilnote werden. Daraus folgt aber nicht automatisch die Zeugnisnote Sport.

Und welche Tabelle nehme ich nun?

Damit bleibt das unangenehmste Problem bestehen. Denn ein Atlas, der einem lediglich ein Dutzend verschiedene Tabellen präsentiert, könnte die Suche am Ende sogar perfektionieren und das Entscheiden gleichzeitig schwieriger machen.

Deshalb gibt es für viele Disziplinen zusätzlich eine Normwertatlas-Konsenstabelle. Der Begriff „Konsens“ ist dabei bewusst pragmatisch zu verstehen. Es handelt sich weder um eine amtliche Vorgabe noch um eine wissenschaftliche Normierung an einer repräsentativen Stichprobe aller deutschen Schülerinnen und Schüler. Die Konsenstabelle ist ein Referenzvorschlag von sportunterricht.eu – gerechnet, nicht gesetzt.

Dafür werden für jede Klassenstufe, jedes Geschlecht und jede Note die geprüften Notentabellen der Länder nebeneinandergelegt – derzeit sieben: Bayern, Berlin, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der Konsenswert ist der mittlere dieser Werte, und er entsteht überhaupt erst, wenn mindestens zwei Länder dieselbe Zelle besetzen. Jedes Land hat dabei genau eine Stimme, gleichgültig wie viele Dokumente es herausgibt.

In den Median wird nichts umgerechnet. Abiturpunkte, Mehrkampfpunkte und Anforderungsstufen wie „2+“ bleiben in ihrer eigenen Skala und gehen nicht in den Median ein; Schultabellen und das Sportabzeichen stehen zum Vergleich daneben, stimmen aber nicht mit ab. Ziel ist ausdrücklich keine besonders harte und auch keine besonders freundliche Tabelle, sondern ein Wert, der möglichst plausibel innerhalb des Spektrums bereits verwendeter Anforderungen liegt.

Oder weniger wissenschaftlich formuliert: Wenn fünf Tabellen auf dem Tisch liegen, soll die Konsenstabelle nicht ausgerechnet die sechste sein, die völlig aus der Reihe tanzt.

Das ist zugleich die Stärke und die notwendige Begrenzung dieses Ansatzes. Die Konsenstabelle sagt nicht: So muss bewertet werden. Sie sagt: Wenn Sie einen begründeten Ausgangspunkt suchen, können Sie hier anfangen – und anschließend sehen, wie andere Tabellen dazu liegen.

Nachprüfen lässt sich das an jedem einzelnen Wert. Eine kleine Zahl hinter der Schwelle nennt, aus wie vielen Tabellen sie gerechnet ist; beim Überfahren erscheinen die Länder samt der Spanne zwischen der strengsten und der mildesten Vorlage. Wo diese Spanne weit auseinandergeht, sieht man auf einen Blick, dass die Zahl weniger fest ist, als sie aussieht – und das ist eine ehrlichere Auskunft als jede dritte Nachkommastelle.

Damit wird aus einer scheinbar banalen Sammlung ein durchaus interessantes Instrument für Fachschaften. Denn die Frage verändert sich. Statt „Hat noch jemand eine Tabelle für Hochsprung?“ kann sie plötzlich lauten: „Welche Anforderungen wollen wir an unserer Schule eigentlich setzen – und wie verhalten sie sich zu anderen vorhandenen Maßstäben?“

Genau dafür ist der Atlas gedacht: als Referenz zum Vergleichen und Abstimmen, nicht als Vorgabe.

Von 15 Punkten bis zum Prozentrang

Die Bedienung selbst soll dagegen erfreulich unspektakulär bleiben. Testbereich auswählen, Disziplin anklicken, Tabelle und gegebenenfalls Geschlecht beziehungsweise Jahrgang wählen – und anschließend entweder die vollständige Tabelle anzeigen lassen oder direkt einen Messwert eingeben. Der Atlas ordnet ihn nach der gewählten Tabelle ein. Die Berechnung erfolgt im Browser; der eingegebene Wert wird nicht übertragen oder gespeichert.

Wichtig ist dabei eine kleine Besonderheit, die beim Lesen von Tabellen erstaunlich schnell zu Missverständnissen führen kann: Jede Zahl bezeichnet eine Schwelle. Bei Laufzeiten bedeutet sie die langsamste Zeit, die noch für eine bestimmte Stufe reicht – also „bis“. Bei Weiten, Höhen oder zurückgelegten Strecken bezeichnet sie dagegen die mindestens notwendige Leistung – also „ab“. Ändern sich Kugelgewicht, Hürdenhöhe oder andere Geräte mit dem Jahrgang, wird auch das ausgewiesen. Und nicht alles endet mit einer Zwei minus.

Schultabellen können z.b. mit den Noten 1 bis 5 arbeiten, Tabellen für die gymnasiale Oberstufe oder das Abitur mit 15 bis 1 Notenpunkten, motorische Testverfahren wiederum mit Leistungsklassen oder Prozenträngen. Genau diese Unterschiede bleiben erhalten. Denn eine Umrechnung würde eine Vergleichbarkeit vortäuschen, die inhaltlich gar nicht zwingend vorhanden ist. Wer trotzdem vergleichen will, findet die Referenzfassung daneben — samt der Regel, auf der sie beruht, damit sichtbar bleibt, was Messung ist und was Zuordnung.

Der Atlas wächst außerdem über die klassischen Verdächtigen Sprint, Weitsprung und Kugelstoßen hinaus. Bereits integriert sind Bereiche aus Leichtathletik, Schwimmen, Radfahren, Inlineskaten, Rudern und Kanu sowie weitere motorische Tests und der Deutsche Motorik-Test; weitere und alternative Wettkampfformen sind vorgesehen.

Eine Tabelle ist noch keine Sportnote

Vielleicht ist gerade das die wichtigste Fußnote des ganzen Projekts.

Wir Sportlehrkräfte lieben Messbares manchmal ein wenig zu sehr. Eine Stoppuhr macht die Welt angenehm übersichtlich. 12,9 Sekunden sind leichter zu verteidigen als die Einschätzung, dass jemand Spielsituationen zunehmend sinnvoll löst, mit anderen kooperiert oder technisch erhebliche Fortschritte gemacht hat. Aber Messgenauigkeit und Bewertungsgerechtigkeit sind nicht dasselbe.

Die Forschung zur Benotungspraxis weist ausdrücklich darauf hin, dass eine ausschließlich sportmotorisch begründete Sportnote den Ansprüchen kompetenzorientierten Sportunterrichts nicht gerecht wird. Leistungsfortschritt, Leistungsbereitschaft sowie soziale und kognitive Kompetenzen sind ebenfalls relevant.

Eine Tabelle beantwortet deshalb eine engere Frage: Wie lässt sich diese konkrete Leistung vor dem Hintergrund dieses konkreten Maßstabs einordnen? Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Wie solche Einzelleistungen anschließend in eine pädagogisch verantwortete Sportnote eingehen können und welche Bezugsnormen dabei eine Rolle spielen, behandelt auf sportunterricht.eu das Modell zur Sportnote ausführlicher.

Und jetzt bitte nicht wieder auf dem USB-Stick verschwinden lassen

Ein Atlas ist nur so gut wie sein Kartenmaterial. Deshalb ist das Projekt ausdrücklich offen angelegt.

Wenn Fachschaften eigene Tabellen verwenden, wenn irgendwo eine bislang fehlende amtliche Tabelle schlummert oder wenn ein Wert im Atlas offensichtlich merkwürdig erscheint, soll genau das zurückgemeldet werden. Besonders interessant sind Tabellen, deren Herkunft noch nachvollziehbar ist: Schulform, Jahrgang, Geschlecht, Disziplin, Grenzwerte und möglichst die ursprüngliche Quelle.

Nicht jede eingesandte Tabelle wird automatisch übernommen. Aber je mehr belastbares Material zusammenkommt, desto interessanter wird auch der Vergleich. Vielleicht lässt sich dann irgendwann nicht nur beantworten, welche Tabelle man verwenden könnte, sondern auch, wo im deutschen Schulsport tatsächlich relativ stabile Bewertungsbereiche bestehen – und wo eine Drei in Dortmund eine Zwei in Stuttgart oder eine Vier in irgendeinem seit 2007 liebevoll gepflegten Excel-Dokument wäre.

Bis dahin reicht für den Anfang eine wesentlich einfachere Verbesserung:

Wer künftig wissen möchte, wie 4:18 Minuten über 1000 Meter, 4,32 Meter im Weitsprung oder 1:17 Minuten über 100 Meter Schwimmen eingeordnet werden können, muss nicht mehr zuerst das halbe Internet durchsuchen.

Normwert gesucht? Tabelle gesucht? Erst einmal in den Atlas schauen.

Der Normwertatlas Schulsport sammelt die verschiedenen Antworten – und macht gleichzeitig sichtbar, warum es mehr als eine geben kann.

EvaD

Eva Duwenbeck

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert