Gefährdungen systematisch erfassen
Strukturierte Gefährdungsbeurteilung vor der Stunde durchführen und regelmäßig aktualisieren. Sie bildet die Grundlage für eine sichere Unterrichtsplanung und dokumentiert Sorgfalt bei Änderungen.
Die Seite bündelt in einer Übersichtsgrafik die strukturierte Erfassung von Gefährdungen: Risikomatrix zur Bewertung, Ampel-Modell zur Interpretation und ein Praxisbeispiel. Sie unterstützt Lehrkräfte bei der Risikominderung, der Einhaltung von Sicherheitsstandards und der regelmäßigen Überprüfung.
Arbeitsmaterial
Die Risikomatrix ist eine Arbeitshilfe, um Sicherheitsentscheidungen im Schulsport nicht bloß intuitiv, sondern systematisch, fachlich begründet und dokumentierbar zu treffen.
Statt sich auf ein Bauchgefühl zu verlassen, folgt die Einschätzung einem nachvollziehbaren Raster, das für Kolleg:innen, Schulleitung und im Schadensfall auch für Dritte transparent bleibt.
Dazu verbindet die Matrix zwei Größen: die Eintrittswahrscheinlichkeit – wie wahrscheinlich eine Gefährdung zu einer Schädigung führt (Stufen A bis E) – und die Schadensschwere, also das Ausmaß der möglichen Folgen (Stufen I bis V). Aus ihrer Kombination ergibt sich ein Risikowert, der die Gefährdung auf einen Blick einordbar macht.
Weil jeder Schritt begründet und festgehalten wird, ist die Beurteilung dokumentierbar und wiederholbar – eine Grundlage der Sorgfaltspflicht und ein zentraler Bezugspunkt, wenn Sicherheitsentscheidungen etwa im Kolloquium erläutert und begründet werden müssen.
Kolloquium
Zwei ausgearbeitete Fälle zeigen Schritt für Schritt, wie sich eine Situation mit der Risikomatrix bewerten lässt – von der Ausgangslage über die Bewertung bis zu Sofortmaßnahmen, Dokumentation und einer prägnanten Formulierung. Zum Öffnen antippen.
Handlungsorientierung
Eine strukturierte Gefährdungsbeurteilung ist die Grundlage für sichere Sportstunden. Sie berücksichtigt die Eintrittswahrscheinlichkeit, mögliche Schadenschwere und wirksame Maßnahmen zur Risikoreduzierung.
Strukturierte Gefährdungsbeurteilung vor der Stunde durchführen und regelmäßig aktualisieren. Sie bildet die Grundlage für eine sichere Unterrichtsplanung und dokumentiert Sorgfalt bei Änderungen.
Risikowert ergibt sich aus Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert mit Schadenschwere. Dies ermöglicht eine konsistente Bewertung und Priorisierung von Maßnahmen zum Schutz vor Verletzungen.
Grüner Bereich (akzeptable Risiken) ermöglicht normalen Unterricht. Gelber Bereich (Grenzrisiken) erfordert gezielt Maßnahmen. Roter Bereich (nicht tolerierbare Risiken) verlangt sofortige Maßnahmen oder Verzicht auf die Aktivität.
Umsetzung
Sportart, Gerät, Raum und Lerngruppe konkret beschreiben. Etwa: Volleyball mit Schüler:innen Klasse 7 in Dreifach-Turnhalle mit 8 Netzen.
Systematisch mögliche Gefahren sammeln: Körperkontakt, Raumnutzung, Material, Können der Lernenden, äußere Bedingungen (Boden, Temperatur).
Für jede Gefährdung Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenschwere bewerten und den Risikowert ausrechnen (P × S = Risiko).
Bei inakzeptablen Risiken gezielt Maßnahmen ergreifen: Regelwerk, Technikschulung, Helfertraining, Materialwahl, Raumgestaltung.
Fachsprache
Die Begriffe helfen, Gefahrensituationen im Sportunterricht präzise zu erfassen, zu bewerten und Maßnahmen systematisch abzuleiten.
Sie planen eine Unterrichtseinheit im Sportunterricht (z. B. Klettern/Bouldern, Turnen, Parkour oder Wintersport). Erläutern Sie, wie Sie mögliche Gefährdungen mit Hilfe einer Risikomatrix einschätzen und welche Konsequenzen Sie für Planung, Aufsicht, Organisation und Durchführung ableiten.
Beispielhafte Bewertung für eine Kletter-/Bouldereinheit in der Sporthalle. Die vollständige Matrix samt Ampel-Modell findet sich in der Übersichtsgrafik oben.
| Mögliche Gefährdung | Eintrittswahrscheinlichkeit | Schadensschwere | Risikowert | Abgeleitete Maßnahmen |
|---|---|---|---|---|
| Sturz aus der Höhe | C – durchaus möglich | IV – schwere Folgen | 5 · Rot | Toprope sichern, korrekte Technik einfordern, ausreichender Abstand, Mattenlage prüfen. |
| Sicherung / Knotenfehler | B – vorstellbar | IV – schwere Folgen | 4 · Gelb | Partnercheck, Knoten regelmäßig üben, Sicherungsgeräte prüfen, Sicherungsperson qualifizieren. |
| Herunterfallende Gegenstände (Magnesiumbeutel, Griffe) | B – vorstellbar | III – mäßig schwere Folgen | 3 · Gelb | Magnesium nur in Beuteln, Materialkontrolle, Gefahrenzone freihalten. |
| Zu viele Personen an einer Station | D – zu erwarten | III – mäßig schwere Folgen | 6 · Rot | Gruppengröße begrenzen, Wartebereiche einrichten, klare Gruppensteuerung. |
| Fehlende Einweisung / Regeln nicht bekannt | C – durchaus möglich | III – mäßig schwere Folgen | 4 · Gelb | Sicherheitsregeln zu Beginn besprechen, Einweisung dokumentieren, Verständnis sichern. |
Die roten Werte (Sturz aus der Höhe, Überfüllung an Stationen) verlangen vor der Durchführung wirksame Maßnahmen; die gelben Werte werden durch Organisation und Einweisung beherrschbar. Erst wenn Sicherung, Stationssteuerung und Einweisung greifen, ist die Einheit verantwortbar durchzuführen.
Sie betreten morgens vor der ersten Sportstunde die Turnhalle. In der Nacht hat es stark geregnet. An mehreren Stellen ist Wasser durch das Dach eingedrungen; der Hallenboden ist sichtbar nass. Ihre Klasse steht bereits vor der Halle. Erläutern Sie, wie Sie die Situation mithilfe einer Gefährdungsbeurteilung/Risikomatrix einschätzen und welche Konsequenzen Sie für Unterricht, Aufsicht, Organisation und Dokumentation ziehen.
Ich würde die Stunde nicht wie geplant beginnen. Ein nasser Hallenboden ist im Sportunterricht kein kleiner Organisationsmangel, sondern eine erhebliche Gefährdung, weil Laufen, Springen, Richtungswechsel, Ballspiele oder Geräteaufbauten auf rutschigem Boden zu Stürzen mit schweren Verletzungsfolgen führen können.
Die Sicherheitsförderung im Schulsport verlangt, dass in unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Bereichen auf gesundheitsförderliches und sicherheitsbewusstes Bewegungshandeln sowie technische und organisatorische Unfallvorbeugung geachtet wird. BASS 18-23 Nr. 2 verweist dafür auf Heft 1033 „Sicherheitsförderung im Schulsport“ mit verbindlichen Rahmenbedingungen zu Organisation, Aufsicht, Übungsstätte, Geräten, persönlicher Ausstattung und Erster Hilfe.
Vor Beginn des Sportunterrichts muss sich die Sportlehrkraft zudem davon überzeugen, dass Geräte und Einrichtungen betriebssicher sind und Erste-Hilfe-Einrichtungen einsatzbereit sind; bei erkennbaren Gefährdungen muss aktiv eingegriffen werden.
Die Risikomatrix arbeitet mit zwei Fragen: Wie wahrscheinlich ist der Eintritt eines Schadens? und Wie schwer wären mögliche Folgen? Aus der Kombination beider Größen wird der Handlungsbedarf abgeleitet.
| Gefährdung | Konkrete Situation | Mögliche Folgen |
|---|---|---|
| Rutschen auf nassem Hallenboden | SuS laufen, stoppen, springen, drehen | Sturz, Prellung, Bänderverletzung, Fraktur, Kopfverletzung |
| Unkontrolliertes Ausweichen | SuS versuchen nasse Stellen zu umgehen | Kollision, Sturz, Zusammenstoß mit Wand/Gerät |
| Fortgesetzter Wassereintritt | Boden wird während der Stunde erneut nass | Gefährdung nicht kontrollierbar |
| Verteilung der Nässe | SuS laufen durch Pfützen und verteilen Wasser | Ausweitung der Rutschfläche |
| Unklare Betriebssicherheit der Halle | Dach/Wand/Elektrik/Boden betroffen | bauliches Risiko, ggf. weitere Sperrung nötig |
| Schüler*innen betreten unkontrolliert die Halle | Klasse wartet schon, einzelne laufen hinein | Sturz schon vor Unterrichtsbeginn |
Skala nach dem üblichen Modell: Eintrittswahrscheinlichkeit A (praktisch unmöglich) bis E (fast gewiss); Schadensschwere I (keine gesundheitlichen Folgen) bis V (tödliche Folgen).
| Gefährdung | Eintrittswahrscheinlichkeit | Schadensschwere | Risikowert | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Rutschen bei Basketball / Laufspielen | D – zu erwarten | IV – schwere Folgen möglich | 6 | Gefahr / Rot |
| Rutschen beim bloßen Betreten der Halle | C – durchaus möglich | III – mäßig schwere Folgen | 4 | Grenzrisiko / Gelb |
| Fortgesetzter Wassereintritt während der Stunde | C bis D | IV – schwere Folgen möglich | 5–6 | Gefahr / Rot |
| Kollisionen durch Ausweichen vor nassen Stellen | C | III | 4 | Grenzrisiko / Gelb |
| Elektrische/bauliche Folgerisiken bei Wassereintritt | B bis C | IV bis V | 5–6 | Gefahr / Rot |
Die geplante Sportstunde ist in der Halle in dieser Form nicht durchführbar.
Das zentrale Risiko liegt im roten Bereich: Bei schnellen Lauf-, Sprung- und Richtungswechseln auf nassem Hallenboden ist ein Sturz nicht nur denkbar, sondern realistisch. Die möglichen Folgen können erheblich sein. Damit ist das Risiko nicht pädagogisch vertretbar.
Nicht vertretbar:
Vertretbare Alternativen (je nach schulischer Situation):
| Maßnahme | Neue Einschätzung |
|---|---|
| Halle wird für Sportbetrieb gesperrt | SuS sind der Gefährdung nicht mehr ausgesetzt |
| Klasse wird in sicheren Raum geführt | Eintrittswahrscheinlichkeit sinkt auf A |
| Schulleitung/Hausmeister werden informiert | bauliche Klärung wird eingeleitet |
| Dokumentation erfolgt | Entscheidung ist nachvollziehbar |
| Sportliche Aktivität wird angepasst/verschoben | Unterricht bleibt verantwortbar |
Restbewertung: Wird die Halle nicht genutzt, liegt das Risiko bei A/I bis A/II = grüner Bereich. Würde nur abgesperrt und daneben Ball gespielt, bliebe es gelb bis rot, weil die Sportdynamik schwer kontrollierbar bleibt.
„Ich würde die Sporthalle nicht für den Unterricht freigeben. Ein nasser Hallenboden verändert die Betriebssicherheit der Übungsstätte. In der Risikomatrix liegt das Risiko bei lauf- und sprungintensiven Inhalten im roten Bereich, weil Stürze wahrscheinlich und die Folgen erheblich sein können. Deshalb sichere ich zuerst die Lerngruppe, informiere Schulleitung und Hausmeister, dokumentiere den Befund und wähle eine sichere Alternative. Erst nach Beseitigung der Nässe und Freigabe der Halle kann der geplante Bewegungsunterricht stattfinden.“
1. Reicht es, die nassen Stellen mit Hütchen zu markieren?
Nur dann, wenn der Gefahrenbereich eindeutig abgegrenzt ist und die geplante Aktivität ihn sicher nicht berührt. Bei Ballspielen, Fangspielen oder Gerätturnen reicht das in der Regel nicht, weil Bewegungswege dynamisch und nicht vollständig kontrollierbar sind.
2. Dürfen Schüler*innen den Boden trockenwischen?
Allenfalls sehr begrenzt und nur unter Aufsicht, wenn dadurch keine neue Gefährdung entsteht. Bei mehreren nassen Stellen oder fortgesetztem Wassereintritt ist das keine Lösung; dann ist die Betriebssicherheit der Halle nicht gegeben.
3. Wer entscheidet, ob die Halle wieder genutzt werden darf?
Die Lehrkraft entscheidet für ihre konkrete Stunde, ob sie unter den vorgefundenen Bedingungen verantwortbar unterrichten kann. Die bauliche bzw. technische Klärung liegt bei Schulleitung, Hausmeister/Schulträger. Eine erneute Nutzung setzt voraus, dass die Gefährdung beseitigt ist.
4. Was, wenn die Schulleitung sagt: „Machen Sie einfach Theorie in der trockenen Ecke“?
Theorie oder Unterrichtsgespräch in einem klar sicheren Bereich kann vertretbar sein. Bewegungsunterricht in der Halle bleibt aber ausgeschlossen, solange die Übungsstätte nicht betriebssicher ist.
5. Was lernen Schüler*innen daraus?
Die Situation kann pädagogisch genutzt werden: Sicherheit ist Teil von Bewegungskompetenz. SuS sollen verstehen, dass verantwortliches Sporttreiben nicht nur Technik und Leistung bedeutet, sondern auch das Erkennen und Bewerten von Risiken.