Erziehender Sportunterricht · PlanungsmodellTheoretischer BezugEine sportdidaktische Konkretisierung des Lehr-Lern-Modells nach Josef Leisen — dessen Lernlogik auf die Bedingungen des Sportunterrichts übertragen.

Der problemorientierte Stundenaufbau — rückwärts geplant.

Eine mögliche Art, eine Sportstunde anzulegen: nicht von der Aktivität her, sondern vom Ergebnis her. Ausgangspunkt ist ein gedankliches Tischgespräch — die Frage, was ein Kind abends zu Hause über die Stunde erzählen könnte.

Vom Lernertrag her planen

Rückwärts planen – vorwärts lernen

Die Lehrkraft plant vom gewünschten Lernergebnis zurück zum Einstieg. Die Lernenden gehen den Weg in umgekehrter Richtung: vom Problem über eigene Lösungsversuche, Reflexion und erneute Erprobung zum gesicherten Lernertrag.


Worum es geht

Eine Stunde „von hinten“ planen — der gewünschte Output bestimmt die Herangehensweise!!

Der Ausgangspunkt jeder Planung ist nicht die Frage: „Was machen wir heute?“, sondern: „Was soll hinten bei der Stunde herauskommen?“ Oder, etwas salopper gefragt: „Was steht am Ende unterm Strich?“ Der Unterricht wird deshalb um ein fachlich bedeutsames Problem, eine Lernfrage oder eine konkrete sportpraktische Herausforderung herum organisiert. Deren Bearbeitung soll zu einer wahrnehmbaren Verbesserung, einer nachvollziehbaren Erkenntnis oder einer begründeteren sportlichen Entscheidung führen. Reine Übungs- oder Spielphasen, bei denen nicht erkennbar wird, was die Schülerinnen und Schüler dadurch besser können, genauer verstehen oder 

Zum Weiterlesen ausklappen

… bewusster wahrnehmen, reichen dafür auf Dauer nicht aus.

Konkret heißt das: Am Ende der Stunde sollte ein Ergebnis stehen, das die Lernenden mitnehmen können. Etwas zugespitzt muss sich die Lehrkraft fragen:

Warum hat es sich gelohnt, dass diese Schülerinnen und Schüler eine Stunde ihres Lebens in diesen Unterricht investiert haben?

Lautet die Antwort allein: „Sie hatten Spaß, haben sich wohlgefühlt, sich bewegt und eine freudvolle Stunde erlebt“, dann kann das im Einzelfall durchaus sinnvoll und wertvoll sein. Freude an Bewegung, Begeisterung und gemeinsames sportliches Handeln sind wichtige Bestandteile des Sportunterrichts und häufig sogar Voraussetzungen für nachhaltiges Lernen. Als langfristig tragfähige Grundlage eines erziehenden und kompetenzorientierten Sportunterrichts reichen sie allein jedoch nicht aus – insbesondere am Gymnasium und in der gymnasialen Oberstufe.

Die investierte Unterrichtszeit sollte deshalb einen erkennbaren Mehrwert im Sinne eines Lernzuwachses erzeugen: Ein Problem wird bearbeitet, eine Lösung erprobt, ein Ergebnis gesichert und möglichst auf andere Situationen übertragen. Die Schülerinnen und Schüler können, wissen, verstehen, beurteilen oder gestalten anschließend etwas, das vorher so noch nicht vorhanden oder ihnen zumindest noch nicht bewusst war.

Das müssen keine tiefschürfenden theoretischen Erkenntnisse sein. Häufig geht es um kleine, aber fachlich bedeutsame Zusammenhänge oder Teilaspekte, die sich gerade durch das praktische Erleben erschließen. Was unterscheidet beispielsweise Hängen, Hangeln und Schwingen? Wie lassen sich diese FertigkeitenFähigkeit vs. FertigkeitIm sportlichen Sinn sind Fähigkeiten die allgemeinen Voraussetzungen für Bewegung, also eher grundlegende Leistungsvoraussetzungen wie Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer oder Koordination. Fertigkeiten sind dagegen erlernte, geübte und meist automatisierte Bewegungsabläufe, etwa ein sauberer Handstand, Kraulschwimmen oder ein Korbleger.Einfacher MerksatzFähigkeiten = das Potenzial bzw. die Grundlage.Fertigkeiten = die konkret ausgeführte, gelernte Bewegung. verbessern? Was erleichtert oder hemmt die Bewegung? Welche biomechanischen Zusammenhänge werden sichtbar und welche anatomischen Strukturen sind beteiligt?

Dabei muss nicht jede Frage vollständig beantwortet werden. Auch ein präzise erarbeiteter Teilaspekt kann einen echten Lernertrag darstellen. Entscheidend ist, dass etwas Neues entstanden ist: eine verbesserte Bewegung, eine bewusstere Wahrnehmung, eine tragfähigere Lösung oder eine nachvollziehbare Erkenntnis. Genau das soll am Ende im Wortsinn „hängen bleiben“ und später erneut aufgegriffen, übertragen oder angewendet werden können.

Der besondere Reiz liegt darin, dass Anfang und Ende bewusst aufeinander bezogen werden. Die Stunde beginnt mit einer Frage, einer Irritation oder einem sportpraktischen Problem. Am Ende kehrt sie genau dorthin zurück:

Was wollten wir herausfinden oder verbessern? Was haben wir erprobt? Was ist dabei herausgekommen? Und woran können wir erkennen, dass wir nun tatsächlich weiter sind?

So wird der rote Faden nicht nur von der Lehrkraft geplant, sondern für die Lernenden sichtbar geschlossen.

Wichtig — bitte beachten

Das Modell ist kein verpflichtendes Schema für jede einzelne Sportstunde.

Es beschreibt eine von mehreren möglichen Bauweisen – besonders geeignet für Stunden oder Lernabschnitte, die einer Problemstellung folgen und nicht lediglich offen auslaufen sollen. Der dargestellte Lernprozess kann sich innerhalb einer kurzen Unterrichtsphase, einer Einzel- oder Doppelstunde oder auch über mehrere Stunden hinweg entfalten.

Das Kernproblem – vom bloßen Tun zum echten Lernertrag. Links „Nur Aktivität“ (Basketball gespielt, geübt, etwas gemacht – beschreibt nur Tätigkeit), rechts „Echter Lernertrag“ (Was können die Lernenden jetzt besser? Was haben sie verstanden? Welches Problem wurde gelöst? Welche drei bis vier Kernpunkte bleiben? – beschreibt Kompetenzzuwachs), verbunden durch die Frage „Was ist am Ende wirklich herausgekommen?“. Darunter die Abendbrotfrage und der Leitsatz „Guter Sportunterricht plant vom Lernertrag her“.

Klicke hier, um die Grafik in hoher Druckqualität (PNG) herunterzuladen.

Das Kernproblem — vom bloßen Tun zum echten Lernertrag.

Ausgangspunkt der Planung

Das Tischgespräch aka „Die Abendbrotfrage“

Stell dir vor, die Schülerin oder der Schüler wird abends beim Abendbrot gefragt, was sie oder er heute nach der Stunde mehr weiß, besser kann, welche Erkenntnis erarbeitet wurde, welches Problem gelöst wurde. Die hartnäckige Mutter, der hartnäckige Vater gibt sich nicht mit „Wir haben geübt“ zufrieden — sondern fordert ein echtes Ergebnis ein. Diese griffige Kernidee — die „Abendbrotfrage“ — zwingt, die Planung vom Ergebnis her zu denken.

Also nicht: „Wir haben überlegt, warum Kommunikation beim Basketball wichtig ist.“ Sondern: Wie genau geht es jetzt besser? Wo lagen die Probleme? Nenne vier Aspekte.

Ein tragfähiges Ergebnis klänge eher so:

„Wir haben herausgefunden, dass Kommunikation im Basketball dann wirkt, wenn sie früh, eindeutig und situationsbezogen ist. Im zweiten Spiel haben wir dadurch freie Räume schneller erkannt und weniger Bälle verloren.“

Dabei zählen zwei Dimensionen zusammen: Was können die Lernenden sichtbar besser tun — und was können sie darüber erklären, begründen, beurteilen oder auf neue Situationen übertragen? Ein Bewegungsprinzip lässt sich korrekt erklären, ohne es zu können — und umgekehrt. Ein voller Lernertrag meint beides.

Von diesem Anspruch aus wird die ganze Stunde rückwärts geplant. In der Praxis heißt das vier Leitfragen — sie strukturieren zugleich die metakognitive Abschlussphase:

  1. Worum ging es am Anfang?
  2. Welches Problem haben wir bearbeitet?
  3. Was ist unsere Lösung, unser Ergebnis?
  4. Welche drei bis vier Kernpunkte nehmen wir mit?

Theoretischer Bezug

Anschluss an die Lernlinie nach Leisen

Die Spirale erfindet nichts Neues — sie überträgt die Lernlogik des Lehr-Lern-Modells nach Josef Leisen in die Sprache und die Handlungssituationen des Sportunterrichts. Leisen beschreibt Lernen als strukturierte, aber ausdrücklich nicht starr lineare Lernlinie. Sie versteht sich als fachbezogene Konkretisierung, nicht als Gegenkonzept.

LDie Lernlinie — die Schritte

Die Lernenden kommen in einem Lernkontext an und durchlaufen — wiederholbar, miteinander verbindbar, über mehrere Abschnitte verteilbar:

  • Ankommen im Lernkontext
  • Vorstellungen entwickeln zu einer Problemstellung
  • Lernmaterial bearbeiten und ein Lernprodukt erzeugen
  • Lernprodukte vergleichen und diskutieren
  • Erkenntnisse sichern und vernetzen
  • Gelerntes anwenden und transferieren

Die Lehrkraft gestaltet dafür Lernumgebungen, Aufgaben, Materialien und Methoden und begleitet den Prozess durch Moderation, Diagnose und Rückmeldung.

?Die Übergänge, die im Sport entscheidend sind

Die Spiralform macht besonders jene Gelenkstellen sichtbar, die in der Unterrichtspraxis über den Lernerfolg entscheiden:

  • Was geschieht nach einem ersten praktischen Lösungsversuch?
  • Woran wird erkannt, ob das Problem bereits gelöst wurde?
  • Wie wird aus einer Beobachtung eine Erkenntnis?
  • Wann muss eine Aufgabenstellung verändert werden?
  • Wie führt eine Reflexion wieder zurück in das Bewegungshandeln?
  • Wie wird am Ende der Bezug zur ursprünglichen Problemfrage hergestellt?

Sportliches Lernen verläuft selten geradlinig vom Problem zur Lösung. Erproben, beobachten, reflektieren, verändern, erneut prüfen — genau diese wiederholte Verbindung von Handeln, Wahrnehmen, Reflektieren, Entscheiden und erneutem Handeln ist der Kern des Modells.

Die Struktur auf einen Blick

Prinzipielle Struktur einer Stunde

Links läuft die Planungsrichtung — rückwärts, vom Tischgespräch nach oben. Antippen oder anklicken, um die Grafik zu vergrößern.

Prinzipielle Struktur von Unterrichtsstunden im erziehenden Sportunterricht: sechs Phasen von Einstieg und Problemorientierung über erste Problembearbeitung, Reflexion und Diagnose bis zu Abschluss, Sicherung und Transfer, mit der Abendbrotfrage als Ausgangspunkt der Rückwärtsplanung.
Prinzipielle Struktur von Unterrichtsstunden im erziehenden Sportunterricht · nach Ralf Duwenbeck
Kein starres Zeitraster — gemeint sind Lerneinheiten, vom Stundenabschnitt bis zur Unterrichtsreihe.
Klicke hier, um das Arbeitsblatt in hoher Druckqualität (PNG) herunterzuladen.

Der Kern im Sport

Das sportpraktische Lernprodukt

Die Bearbeitung eines Problems soll ein Lernprodukt hervorbringen — im Sport meist performativ: Es zeigt sich zuerst im Handeln. Es muss aber so beobachtbar und beschreibbar werden, dass die Lernenden es vergleichen, beurteilen und weiterentwickeln können. Ein Text, ein Plakat oder eine Präsentation sind dafür nicht nötig.

Was ein Lernprodukt im Sport sein kann
  • eine sichtbar veränderte Bewegungsausführung
  • eine gemeinsam entwickelte taktische Lösung
  • ein funktionierendes Zusammenspiel
  • eine neue Spielregel
  • eine gestaltete Bewegungsfolge
  • ein begründeter Trainingsplan
  • ein Beobachtungsbogen mit erarbeiteten Qualitätskriterien
  • eine Demonstration verschiedener Lösungswege
  • eine verbesserte Entscheidung in einer Spielsituation

Nicht nur: Was haben die Schülerinnen und Schüler getan? Sondern: Was ist durch dieses Handeln entstanden, sichtbar geworden oder besser gelungen?

„Sie spielen Basketball“, „sie sammeln Bewegungserfahrungen“, „sie üben den Hochsprung“ benennen zunächst nur Tätigkeiten — noch keinen Lernertrag. Entscheidend ist, was nach dem Spielen, Erproben oder Üben anders ist als vorher.


Ablauf der Durchführung

Sechs Phasen — als Spirale gelesen

Gelesen wird die Grafik von oben nach unten. Geplant wird jedoch vom angestrebten Lernertrag her — von dem, was die Lernenden am Ende besser können oder verstehen sollen, zurück zum Einstieg. Die sechs Phasen sind keine feste Taktung, sondern Schleifen: handeln, wahrnehmen, reflektieren, entscheiden, erneut handeln, sichern und übertragen. Jede Phase hat eine Funktion im roten Faden, von der Irritation am Einstieg bis zur Sicherung und zum Transfer.

1

Einstieg / Problemorientierung

Ein Problemaufriss macht neugierig und „verstört“ produktiv: eine sportpraktisch bedeutsame Anforderungssituation, an der eine echte Frage sichtbar wird. Daraus wird die Problemfrage entwickelt — und die Lernenden bringen erste Vorstellungen und Lösungsideen ein: Was vermuten wir? Wie könnten wir das Problem bearbeiten?

Anknüpfung an ein „altes“ Problem Experiment · Video · Bildimpuls Impuls aus dem Aufwärmen Vorstellungen & Lösungsideen
2

Erste Problembearbeitung

Auf die Aufgabenstellung folgt EA 1: Die Lernenden erproben ihre Ideen praktisch und erzeugen ein erstes Bewegungs- oder Lernprodukt — eine veränderte Ausführung, eine taktische Lösung, eine Regel, eine Kriterienliste. Schon dabei wird reflektiert: mitten im Tun wird Wahrgenommenes unmittelbar angepasst.

EA 1 — erste Problembearbeitung reflection in action Bewegungs-/Lernprodukt
3

Reflexion und erste Diagnose

Mit Abstand zum Handeln folgt RP 1. Zwei Leitfragen: Was ist gerade genau passiert? Konnten wir die Aufgabe so lösen, wie wir sollten? Reflexion ist kein Endpunkt, sondern Gelenkstelle — sie fragt immer auch „Was folgt daraus für den nächsten Versuch?“ Gerade in der Sek I gilt: so kurz wie möglich, so ausführlich wie nötig.

RP 1 — reflection on action Gelenkstelle Primat der Bewegung
4

Diagnose / Verzweigung

Der zentrale Entscheidungsknoten: Inwieweit wurde das Problem gelöst? Entschieden wird an transparenten Kriterien, nicht am pauschalen Eindruck „Das hat funktioniert“. Unser knappes „Ja / Jein / Nein“ ist die griffige Kurzform dieser diagnostischen Entscheidung.

Ja → Ergebnisse sichten, ggf. Präsentation.  •  Jein / Nein → Ursachenforschung: Was hindert uns noch daran, das Problem tragfähig zu lösen? → EA 2 mit mehr oder anderem Material, modifizierter Aufgabenstellung → RP 2 → zurück zur Diagnose.

Mögliche Konsequenzen: Lösung erneut anwenden · Kriterien präzisieren · Aufgabe vereinfachen oder erschweren · Material verändern · Gruppengröße oder Raum anpassen · neuen Beobachtungsschwerpunkt setzen · Bewegung unter veränderten Bedingungen erproben · Lösungen vergleichen.

Rückblick — Was war unser Problem, wie sieht unsere Lösung aus, und woran erkennen wir den Lernfortschritt?

5

Abschluss / Sicherung / Anwendung

Der wichtigste Punkt. „Machen wir einen Strich drunter!“ — Rückkehr zum Beginn: Was war unser Problem, und wie sieht die Lösung aus? Die Erkenntnisse werden auf wenige Kernpunkte gebündelt (z. B. drei), gesichert und angewendet. Die Bündelung geschieht unter Einbezug und Dominanz der Lernenden: Ein „Heute habt ihr gelernt, dass …“ der Lehrkraft genügt nicht — ohne eigene Einsicht kein Ergebnis. Die Schülerinnen und Schüler sollen selbst formulieren, demonstrieren oder belegen können, worin ihr Lernzuwachs besteht.

z. B. 3 Kernpunkte — wichtigster Punkt Sicherung Anwendung auf den Gegenstand z. B. Üben
6

Transfer / Ausblick

Transfer ist mehr als Wiederholung: Kann das Gelernte auch unter veränderten Bedingungen genutzt werden — neue Spielsituation, mehr Gegnerdruck, andere Geräte, eine andere Sportart? Anders als die Anwendung in Phase 5, die das Ergebnis am selben Gegenstand festigt, verlangt der Transfer den Schritt in einen erkennbar veränderten Kontext. Daraus kann sich ein neues Problem ergeben, das die Stunde mit der nächsten verbindet.

Transfer ≠ Anwendung Advance Organizer Lerntreppe · H5P Problem der nächsten Stunde

Fachlicher Boden

Der Primat der Bewegung

Sport ist ein körperliches, handlungsorientiertes Fach. Besonders in der Sekundarstufe I gilt: Schülerinnen und Schüler sollen sich bewegen, körperlich erfahren und durch die Auseinandersetzung mit Bewegung lernen. Reflexion ist nicht deshalb wertvoll, weil lange gesprochen wird — sondern wenn sie dem weiteren Lernen erkennbar nützt.

Kern

Bewegungszeit

Die Lernenden sind selbst motorisch tätig: spielen, laufen, springen, turnen, schwimmen, kämpfen, tanzen, gestalten, trainieren. Der unverzichtbare Kern des Fachs.

Fachlich

Aktivitätszeit

Planen, beobachten, vergleichen, Kriterien entwickeln, Regeln verändern, auf dem Spielfeld tüfteln — handlungsbezogene fachliche Lernzeit, auch ohne ständige intensive Motorik. Keine „verlorene Bewegungszeit“.

Sparsam

Sitz- / Theoriezeit

Überwiegend sitzend; die Praxis ruht kurz. Nicht lehrerzentriert: Die Lehrkraft stößt das Gespräch nur an und moderiert — entwickelt wird es fragend von den Lernenden. In der Sek I knapp und auf eine klare Frage fokussiert.

So ist das Gespräch gemeint: Die Lehrkraft wirft das Gesprächsknäuel in die Gruppe, die Lernenden werfen es sich zu — nur ab und zu nimmt sie es wieder in die Hand. Initiiert und moderiert, aber nie lehrerzentriert.

Bewegungszeit  –  Aktivitätszeit  –  gezielte Reflexionszeit
Aktivitätszeit — Beispiele
  • eine Gruppe entwickelt auf dem Spielfeld eine neue Angriffsstrategie,
  • zwei Lernende vergleichen ihre Beobachtungen unmittelbar am Gerät,
  • Schülerinnen und Schüler verändern selbstständig eine Bewegungsstation,
  • eine Mannschaft stimmt Laufwege oder Kommunikationszeichen ab,
  • Lernende setzen Beobachtungskriterien während einer praktischen Erprobung ein.

Gerade in der Sek I sollten Reflexionsgespräche aus der Bewegungssituation heraus entstehen und rasch wieder in sie zurückführen — über Leitfragen, kurze Partnergespräche, Beobachtungsaufträge, Karten, Standbilder, Demonstrationen oder unmittelbare Wiederholungen.

„Deep Dive“ in der gymnasialen Oberstufe

Der Primat der Bewegung verbietet keine längere Auseinandersetzung. In der Oberstufe kann eine vertiefte Analyse fachlich nötig sein — im Einzelfall auch zulasten unmittelbarer Bewegungszeit, sofern sie erkenntnisstiftend bleibt und wieder auf sportliches Handeln bezogen wird. Etwa zu:

  • biomechanischen Zusammenhängen,
  • taktischen Entscheidungsprozessen,
  • trainingswissenschaftlichen Prinzipien,
  • gesundheitlichen Wirkungen und Risiken,
  • gesellschaftlichen und ethischen Fragen des Sports,
  • der Beurteilung verschiedener Bewegungs- oder Trainingslösungen,
  • der Auswertung von Video-, Mess- oder Beobachtungsdaten.

Maßstab bleibt: Führt die vertiefte Analyse zu besserem Verständnis, einer begründeteren Entscheidung oder qualifizierterem sportlichen Handeln?


Abschluss & Skalierung

Die Stunde „rund machen“

„Jetzt machen wir einen Strich drunter.“ Das ist kein vorschneller Schlusspunkt, sondern eine bewusste Zäsur: Der Lernprozess wird angehalten, geordnet und auf seinen Ertrag geprüft. Die Lernenden kehren — gedanklich und möglichst an konkreten Lernprodukten — zum Ausgangspunkt zurück.

Handgemalter Schriftzug: Jetzt machen wir mal einen Strich drunter
Zurück zur Ausgangsfrage — die Bilanz
  • Was wollten wir zu Beginn herausfinden oder verbessern?
  • Welches Problem haben wir bearbeitet?
  • Welche Lösungswege haben wir ausprobiert?
  • Was hat funktioniert und warum? Was noch nicht?
  • Welche Lösung bzw. welcher Zwischenstand ist entstanden?
  • Welche drei oder vier Kernpunkte bleiben?

Der Lernzuwachs wird sichtbar, indem die Lernenden ihre anfänglichen Vorstellungen mit dem aktuellen Erkenntnis- oder Könnensstand vergleichen. Ergebnisse werden nicht nur wiederholt, sondern geordnet, präzisiert, eingeordnet — und möglichst von den Lernenden selbst belegt.

Formen der Sicherung im Sport
  • eine abschließende Spielsituation,
  • eine Demonstration der entwickelten Lösung,
  • der Vergleich zweier Bewegungsausführungen,
  • eine Kriterienliste,
  • ein kurzes Statement oder eine Partnererklärung,
  • ein Standbild oder eine Videosequenz,
  • eine erneute Anwendung unter veränderten Bedingungen.

Der Kreis schließt sich damit nicht allein sprachlich, sondern zwischen Problemstellung, praktischem Handeln, Reflexion und erneutem sportlichen Können.

Stunde, Doppelstunde oder Lerneinheit — Mikro & Makro

Die Grafik ist kein Zeitraster. Wie bei Leisen meint die Lernlinie eine inhaltlich zusammenhängende Lerneinheit — nicht automatisch 45 oder 60 Minuten. Eine Schleife kann in einem Stundenabschnitt durchlaufen werden oder sich über eine ganze Reihe erstrecken. Die Spirale bezieht sich auf:

  • einen kurzen Abschnitt innerhalb einer Stunde,
  • eine vollständige Einzelstunde,
  • eine Doppelstunde,
  • mehrere aufeinander aufbauende Stunden,
  • eine Unterrichtsreihe oder ein Unterrichtsvorhaben.

Mikro- vs. Makroabschluss

Der Mikroabschluss sichert den Stand eines Teilabschnitts oder einer Einzelstunde: „Was ist unser Zwischenstand, woran arbeiten wir nächste Stunde weiter?“ Der Makroabschluss führt am Ende einer längeren Lernlinie zum ursprünglichen Problem zurück und bündelt den über mehrere Stunden erreichten Kompetenzzuwachs. Die geschlossene, idealtypische 45-Minuten-Stunde bleibt so ein Sonderfall — das Modell ist variabel anwendbar.


Warum das trägt

Der rote Faden — didaktisch geschlossen

Weil Anfang und Ende aufeinander bezogen sind, bleibt die Stunde zielorientiert. Zentrale Erkenntnisse werden gebündelt statt zu verpuffen, Reflexion und Transfer werden möglich, und die Stunde wirkt als Ganzes — nicht als lose Folge von Aktivitäten.

Gerade im Sport, wo stark handlungsorientiert gearbeitet wird, verhindert die kurze Abschlussreflexion, dass das Nachdenken über den Sinn der Bewegung zu kurz kommt. Aus „wir haben etwas gemacht“ wird „wir haben an einem Problem gearbeitet und etwas verstanden“.

Der Boden, auf dem es steht

Tragende Prinzipien

Das Schema ist kein Selbstzweck. Es lebt von einer Lernkultur, die kompetenzorientiert denkt — Wissen, Wollen und Handeln zusammen — und die folgende Prinzipien ernst nimmt.

P

Problemorientierung

Eine echte, herausfordernde, aber nicht überfordernde Anforderungssituation aus der Lebenswelt — sie irritiert, macht neugierig und verspricht einen tatsächlichen Lernzuwachs.

I

Individualisierung

Diagnose der Lernvoraussetzungen, dann differenzierte Angebote — realistisch für Kleingruppen mit ähnlichen Voraussetzungen, nicht als Einzelweg für jede Person.

St

Stärkenorientierung

Vorhandene Fähigkeiten und Lernzugewinne wiegen schwerer als Defizite. Ermuntern und aufbauen statt tadeln, viel echtes Lob — Fehler dürfen und müssen im Lernprozess passieren.

Se

Selbststeuerung

Lernende werden zunehmend in Entscheidungen über ihr Lernen einbezogen — sukzessiv und dem Entwicklungsstand entsprechend. Lernphasen sind klar von Leistungssituationen getrennt.

SL

Strategieebenen des Lernens

Ein früher erarbeiteter Schatz an Erfahrungen, Methoden und Lernstrategien dient als Pool, aus dem in dialogischer Beratung individuelle Lernwege abgeleitet werden.

Ko

Kompetenzorientierung

Kompetenz = Wissen + Wollen + Handeln. Sie zeigt sich im Handeln. Lernziele setzt die Lehrkraft — Kompetenzen entwickeln die Lernenden; die Lehrkraft fördert diese Entwicklung.


Für Ausbildung & Prüfung

Die idealtypische Stunde — und ihr Grenzwert

Im Vorbereitungsdienst sollen Unterrichtsbesuche und Prüfungsstunden exemplarisch zeigen, wie eine Lehrkraft Lernprozesse problemorientiert anbahnt, fachlich strukturiert, diagnostisch begleitet und zu einem erkennbaren Ergebnis führt. So entstehen bewusst idealtypisch konstruierte Stunden.

Was eine idealtypische Stunde sichtbar macht
  • eine klare Problemstellung,
  • ein erkennbarer roter Faden,
  • eigenständiges Handeln der Lernenden,
  • eine kriteriengeleitete Reflexion,
  • adaptive Weiterarbeit,
  • ein nachvollziehbarer Lernzuwachs,
  • ein inhaltlich begründeter Abschluss.

Solche Stunden bilden den Alltag nicht in jedem Detail ab — Lernprozesse brauchen mitunter mehr Zeit, nehmen unerwartete Richtungen oder führen zunächst nur zu Teilergebnissen. Ihr Ausbildungswert liegt darin, die Logik problem- und kompetenzorientierten Unterrichts bewusst zu planen und in konzentrierter Form zu zeigen. Entscheidend ist, diese Idealstruktur anschließend flexibel auf die Realität zu übertragen — nicht als Ritual jeder einzelnen Stunde.

?Die Spirale als Prüf- und Denkraster

Sie ist keine Schablone, sondern eine Denk- und Visualisierungshilfe. Mit ihr lässt sich prüfen:

  • Wo beginnt der Lernprozess? Was ist das fachliche Problem?
  • Welche Vorstellungen bringen die Lernenden ein?
  • Welches sportpraktische Lernprodukt soll entstehen?
  • Woran wird Qualität erkannt?
  • Wann und wie wird reflektiert?
  • Welche didaktische Entscheidung folgt aus dem Zwischenstand?
  • Wie wird der Lernzuwachs gesichert? Wo erfolgt Anwendung oder Transfer?

Einordnung

Was dieses Schema leisten kann — und was nicht

Was es leistet

  • Es zeigt eine mögliche Bauweise für eine problemorientierte Stunde mit klarem rotem Faden.
  • Es hält die Zielorientierung stabil, weil Einstieg und Abschluss bewusst verkoppelt sind.
  • Es sichert Ergebnisse und macht den Erkenntnisweg für Lernende benennbar.
  • Es gibt eine gemeinsame Planungs­sprache für Reflexion, Sicherung und Transfer.

Was es nicht leistet

  • Es ist kein verbindliches Pflichtschema und passt nicht auf jede Stunde — offene, übende oder erfahrungsorientierte Formate folgen anderer Logik.
  • Es ersetzt keine fundierte Diagnostik, keine Sachanalyse und keine didaktische Reduktion.
  • Es garantiert keinen Lernerfolg — die Qualität hängt an Problemwahl, Aufgaben und Beziehungsarbeit.
  • Es ist ein Planungs­raster, keine Bewertungs- oder Prüfungsvorlage.

Didaktische Leitplanken

1Kein starres Artikulationsschema

Nicht jede Stunde muss alle Elemente gleich ausführlich enthalten. Einzelne Schritte können sehr kurz sein, ineinander übergehen oder über mehrere Stunden verteilt werden.

2Problemorientierung nicht inszenieren

Die Problemfrage sollte für die Lernenden tatsächlich bearbeitbar und sportpraktisch bedeutsam sein. Wird die vermeintlich offene Frage nur gestellt, damit die Klasse die bereits feststehende Antwort reproduziert, verliert die Problemorientierung ihre Funktion.

3Reflexion muss handlungswirksam bleiben

Nicht jede Beobachtung braucht ein Plenumsgespräch. Oft reichen kurzer Partneraustausch, Demonstration, Beobachtungsauftrag oder erneute Erprobung. Besonders in der Sek I gilt: so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig.

4Lernprodukte sichtbar und vergleichbar machen

Sportpraktisches Handeln allein macht den Lernprozess nicht automatisch nachvollziehbar. Es braucht Kriterien, Beobachtungsschwerpunkte oder Darstellungsformen, durch die unterschiedliche Lösungen erkannt und beurteilt werden können.

5Sicherung ist keine Lehrkraftzusammenfassung

Die Lehrkraft kann ordnen und präzisieren. Der Lernzuwachs sollte jedoch möglichst durch Beiträge, Demonstrationen und Belege der Lernenden sichtbar werden — unter deren Einbezug und Dominanz.

6Bewegung und Erkenntnis nicht gegeneinander ausspielen

Weder ein theoriezentrierter Sportunterricht noch eine reflexionslose Maximierung von Bewegungszeit. Ziel ist die fachlich begründete Verbindung von Bewegung, Erfahrung, Erkenntnis und erneutem Handeln.

In Anlehnung an das Lehr-Lern-Modell nach J. Leisen sowie E. Schlecht (2011), QUA-LiS NRW und den Referenzrahmen Schulqualität NRW (MSB, 2020). Der Kompetenzbegriff folgt Weinert (2001). Die sportdidaktische Problem-, Lern- und Reflexionsspirale versteht sich als fachbezogene Konkretisierung und Planungshilfe, nicht als normative Vorgabe.